78° Süd: mit dem Hubschrauber ins Weddellmeer
Am 5. Februar 2026 stand die MS Ortelius auf 78° 05,5' Süd in der Vahsel-Bucht — der südlichste Punkt, den in dieser Antarktissaison ein Passagierschiff erreicht hat. Drei Hubschrauber an Bord machten möglich, was vom Schiff aus nicht geht: Rundflüge über Schelfeis und Spalten, eine Landung auf dem Eis. Das Bordlogbuch dieser 27-tägigen Reise ins Weddellmeer ist eines der ungewöhnlichsten, das wir gelesen haben.
Wie weit nach Süden kommt ein Schiff im Weddellmeer?
Diese Reise erreichte 78° 05,5' Süd. Zur Einordnung: Die Antarktis beginnt völkerrechtlich bei 60° Süd, die bekannte Antarktische Halbinsel liegt bei etwa 64°. Die Vahsel-Bucht liegt gut 1.500 Kilometer weiter südlich — rund 1.300 Kilometer vom Südpol entfernt.
Das Logbuch hält fest, dass dies „nicht nur der südlichste Punkt dieser Reise ist, sondern auch der südlichste Breitengrad, den in dieser Antarktissaison ein Passagier-Expeditionsschiff erreicht hat" — und dass das Schiff damit seinen eigenen Rekord aus dem Vorjahr gebrochen hat, im zweiten Jahr in Folge.
Möglich ist das nur in einem sehr schmalen Zeitfenster. Das Weddellmeer ist die Eisfabrik der Antarktis: Hier bildet sich der größte Teil des antarktischen Meereises, und hier trieb Shackletons Endurance 1915 fest, bis sie zerdrückt wurde. Wer im Februar bis 78° Süd kommt, hat mit dem Eis Glück gehabt — und ein Schiff der Eisklasse UL1 unter sich.
Sieht man im Weddellmeer Kaiserpinguine?
Auf dieser Reise ja, und zwar wiederholt. Der erste Fund kam von einem Gast: Ein Kaiserpinguin auf einer Scholle, entdeckt und fotografiert, bevor das Expeditionsteam ihn sah. Wenige Minuten später zählte man von der Brücke aus deutlich mehr.
Die Ansage war knapp: „so schnell wie möglich zu Mittag essen, denn es steht eine Zodiacfahrt bevor." Um 13:00 Uhr waren alle an Deck. Zwischen kleinen Eisbergen fand die Gruppe ihre erste größere Ansammlung von Kaiserpinguinen, danach weitere Gruppen von Kaiser- und Adeliepinguinen.
Zwei Tage später, am Stancomb-Wills-Gletscher, sah man sie aus der Luft: „Wir konnten viele Kaiserpinguine vom Hubschrauber aus auf Eisbergen und Schollen sehen, und wir konnten die Muster erkennen, die ihre Spuren im Schnee hinterlassen." Wer gleichzeitig auf dem Wasser war, hatte sie auf Augenhöhe: Kaiserpinguine auf Eisbergen — und, für viele der Höhepunkt, ein junger Adeliepinguin in einer kleinen Eishöhle.
Wichtig für die Erwartung: Kaiserpinguine sind kein Programmpunkt. Sie brüten auf dem Festeis, meist an schwer erreichbaren Stellen. Wer sie sehen will, braucht eine Route, die tief ins Weddellmeer führt — und dann noch Glück mit dem Eis.
Wozu braucht ein Expeditionsschiff Hubschrauber?
Weil im Weddellmeer vieles nicht anlandbar ist. Die Küste besteht über Hunderte Kilometer aus Schelfeiskanten, die senkrecht aus dem Wasser ragen. Ein Zodiac kommt dort nicht hoch, ein Schiff nicht heran.
Der organisatorische Aufwand dahinter ist erheblich. Die Gäste werden in acht Gruppen zu je vier Personen eingeteilt, jede mit nummerierter Hubschrauberkarte. Vor dem ersten Flug steht eine verpflichtende Übung — eine komplette Generalprobe mit Gummistiefeln, wasserdichter Kleidung und unterschriebener Einverständniserklärung. Die Reihenfolge wechselt täglich, damit nicht immer dieselbe Gruppe zuletzt fliegt: am 2. Februar 5-6-7-8-1-2-3-4, am 5. Februar 4-3-2-1-8-7-6-5.
Und: Die Entscheidung fällt jeden Morgen neu. „Die endgültige Entscheidung treffen die Piloten", steht im Tagesprogramm — nicht der Expeditionsleiter, nicht der Kapitän. Am 6. Februar an der Luitpold-Küste war Fliegen wegen des Wetters nicht möglich.
Was passiert, wenn die Hubschrauber nicht fliegen können?
Dann entsteht manchmal etwas Besseres. An genau diesem 6. Februar entschieden Expeditionsleiter und Kapitän, das Schiff längsseits an stabiles Meereis zu legen. Die Gangway wurde ausgefahren — und die Gäste gingen einen ganzen Vormittag lang auf dem antarktischen Meereis spazieren.
Vorher ging das Expeditionsteam voraus und sicherte die Fläche ab. Was dann kam, liest sich wie eine Aufzählung, ist aber der Grund, warum Leute ans Weddellmeer fahren: mehrere Krabbenfresserrobben auf dem Eis, ein neugieriger Kaiserpinguin, der sich der Gruppe näherte, einige Adeliepinguine, ein Schneesturmvogel und eine Südpolarskua über den Köpfen — und am Eisrand Zwergwale, die die Kante abpatrouillierten.
Beendet wurde der Vormittag nicht nach Plan, sondern nach Lage: Als die Dünung zunahm und das Eis in Bewegung geriet, rief der Kapitän alle zurück an Bord.
Welche Tiere leben im Weddellmeer?
Die Liste dieser Reise ist ungewöhnlich, und ein Eintrag darin ist außergewöhnlich:
| Art | Beobachtung |
|---|---|
| Kaiserpinguin | mehrfach, vom Zodiac, vom Eis und aus der Luft |
| Ross-Robbe | eine — die seltenste der vier antarktischen Robbenarten |
| Krabbenfresserrobbe | regelmäßig auf Schollen |
| Seeleopard | ruhend auf einer Eisscholle |
| Zwergwal | zwei umkreisten die Zodiacs |
| Blauwal | im Reiseverlauf acht bis zehn Tiere |
| Arnoux-Schnabelwal | vom Hubschrauber aus gesichtet |
| Adeliepinguin, Schneesturmvogel, Skua | durchgehend |
Die Ross-Robbe verdient eine eigene Erklärung. Sie lebt einzelgängerisch im dichten Packeis, taucht selten auf zugänglichen Schollen auf und wird deshalb kaum gesehen. Als eine der Guides sie bestätigte, hielt das Logbuch fest: Für den Expeditionsleiter war es „erst das zweite Mal, dass er eine gesehen hatte, in all seinen Jahren" — und für seinen Assistenten, nach 34 Jahren Antarktiserfahrung, die allererste.
Ehrlicherweise gehört dazu: Solche Sichtungen kann niemand versprechen. Sie sind der Grund, warum erfahrene Gäste diese Route wählen — nicht die Garantie, sie zu bekommen.
Wie kalt ist es im Weddellmeer im Februar?
Milder, als die Lage vermuten lässt, aber konstant unter null. Die Werte dieser Reise, jeweils um 09:00 Uhr gemessen:
| Tag | Ort | Position | Temperatur |
|---|---|---|---|
| 4.2. | auf See nach Süden | 74° 07,7' S | −0,7 °C |
| 5.2. | Vahsel-Bucht | 78° 05,5' S | −6,6 °C |
| 6.2. | Luitpold-Küste | 76° 47,2' S | −6,6 °C |
| 7.2. | Stancomb-Wills-Gletscher | 73° 42,6' S | −3 °C |
| 8.2. | Weddellmeer, auf See | 70° 17,4' S | −1 °C |
Minus sechs Grad klingt harmlos. Entscheidend ist, dass man bei einem Hubschrauberflug oder auf dem Meereis steht statt zu gehen — man erzeugt keine eigene Wärme. Deshalb schreibt das Programm für jeden Flug ausdrücklich Gummistiefel und wasserdichte Kleidung vor.
Was macht man an den Seetagen?
Auf einer Route wie dieser sind Seetage kein Übel, sondern die Hälfte der Reise — nach dem Weddellmeer standen bis zu fünf am Stück an. Das Bordprogramm dieser Woche liest sich entsprechend:
- Vorträge über Shackletons Endurance-Expedition von einem mitreisenden Gastreferenten, dazu ein vertiefender Workshop für „ernsthafte Historiker"
- Meereis- und Gletschereiskunde, Wetterprognose, die Evolution der Wale, das Leben an Bord eines Forschungsschiffs
- ein Spaltenbergungs-Workshop mit Knoten, Sicherungstechnik und Flaschenzug
- Überlebenstraining, Bildbearbeitung — und, mit erstaunlichem Zulauf, Stricken
- eine Shackleton-Schnitzeljagd mit Rätselheft und der zweiteilige Shackleton-Film mit Popcorn
Dazu die Ansage, die auf dieser Reise mehrfach im Programm steht: „Eine Hand für dich, mindestens eine Hand für das Schiff."
Für wen ist eine Weddellmeer-Reise geeignet?
Für Reisende, die schon einmal in der Antarktis waren und mehr wollen als die Halbinsel. Wer zum ersten Mal in den Süden fährt, ist auf einer klassischen Halbinsel-Route besser aufgehoben: mehr Anlandungen, kürzere Seewege, weniger Abhängigkeit vom Eis.
Das Weddellmeer verlangt Geduld und Gleichmut. Programme werden morgens entschieden und mittags geändert; Hubschrauber fliegen oder eben nicht; ein ganzer Tag kann aus Suchen bestehen. Wer das aushält, bekommt Orte zu sehen, an denen jährlich nur ein paar Hundert Menschen stehen.
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- Traditionen an Bord — Polar Plunge, Recap und der Rhythmus einer Antarktisreise
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Ob eine Weddellmeer-Route zu Ihnen passt oder die Halbinsel der bessere Einstieg ist, klären wir vorher in Ruhe — sprechen Sie uns an.
Grundlage dieses Beitrags ist das Bordlogbuch der M/V Ortelius zur Reise „Remote Weddell Sea Explorer" vom 22. Januar bis 18. Februar 2026 (Oceanwide Expeditions). Kapitän: Remmert Costa. Expeditionsleiter: Chris Long. Alle Positionen, Temperaturen und Sichtungen stammen aus diesem Logbuch. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebenen Tiere und Situationen, nicht zwingend diese Reise.