Polar Plunge, Feuerlöschschlauch und der Moment der Stille
Was auf keinem Reiseplan steht
Jede Antarktisreise hat ein offizielles Programm: Anlandungen, Zodiacfahrten, Vorträge. Und sie hat ein zweites, das nirgends im Katalog steht, aber auf jedem Schiff stattfindet — eine Handvoll Rituale, die zwischen Ushuaia und dem Eis entstanden sind.
Das Logbuch der MV Ortelius von der Reise „Deep South Basecamp" im März 2026 verzeichnet sie alle.
Der Sprung
Der Polar Plunge ist das bekannteste dieser Rituale und funktioniert bemerkenswert schlicht: Man springt ins antarktische Wasser und kommt wieder heraus.
Das Logbuch beschreibt einen dieser Momente nach einer langen Bergwanderung. Der Abstieg war weit, bot aber fantastische Blicke auf die Ortelius in der Bucht — und als sich die Gruppe am Landeplatz sammelte, gingen „diejenigen, die mutig genug waren", ins eisige Wasser.
Es folgt der ehrlichste Satz zu diesem Thema, den man lesen kann: „Wir hatten alles dabei — von Leuten, die einen Zeh hineinhielten, über vollständiges Untertauchen bis zu einigen, die tatsächlich schwammen."
Danach ging es schnell: Der Transfer der nassen, kalten Menschen zurück zum Schiff wurde zügig abgewickelt, und alle wollten vor dem Mittagessen unter die warme Dusche.
Praktisch läuft es so: Der Badeanzug wird unter der wasserdichten Expeditionskleidung getragen. Handtücher stellt das Schiff — im Tagesprogramm steht ausdrücklich, dass man das Handtuch aus der Kabine nicht mitbringen soll. Eine Sicherungsleine und ein Guide im Wasser gehören dazu.
Die Taufe am Polarkreis
Das zweite Ritual findet bei 66°33′ Süd statt und ist eine Variante der klassischen Äquatortaufe.
Als die Ortelius den südlichen Polarkreis überquerte, wurden die Gäste eingeladen — laut Logbuch „einige begeisterter als andere" — ihre Badesachen anzuziehen und an Deck zu kommen. Dort wurden sie in einer Zeremonie über die Linie begrüßt: mit einem erfrischenden Strahl aus dem Feuerlöschschlauch des Schiffes.
Glücklicherweise, hält das Logbuch fest, gab es anschließend eine wärmende Belohnung.
Man sollte das nicht unterschätzen. Bei Lufttemperaturen um den Gefrierpunkt und einem Wasserstrahl aus einer Schiffslöschanlage ist das kein symbolischer Akt.
Das Recap
Weniger spektakulär, aber das wichtigste Ritual überhaupt: Jeden Abend um 18:15 Uhr versammelt sich das Expeditionsteam mit den Gästen in der Bar.
Das Recap ist kein Vortrag, sondern eine Reihe kurzer Beiträge. Ein Guide erklärt, was die Robbe am Vormittag getan hat. Ein anderer ordnet ein, warum das Eis an dieser Stelle so aussieht. Ein dritter kündigt an, was für morgen geplant ist — mit dem stets gleichen Zusatz, dass alles vom Wetter abhängt.
Dazwischen liegen die Fachvorträge. Auf dieser Reise etwa hielt Guide Marco einen Vortrag über die antarktische Kryosphäre: Meereis, Schelfeis und Gletscher. Ein anderer Guide, Koen, sprach über seine Erfahrungen als Walbeobachter.
Es ist dieser Rhythmus — Landgang am Vormittag, Zodiac am Nachmittag, Recap am Abend —, der eine Expedition von einer Kreuzfahrt unterscheidet. Man bekommt nicht nur Bilder, sondern eine Erklärung dazu.
Das Briefing für morgen, das nichts verspricht
Ein Ritual, das Neulinge zunächst irritiert: Am Ende jedes Recaps wird der Plan für den nächsten Tag vorgestellt — und im selben Atemzug relativiert.
Im Tagesprogramm dieser Reise steht bei den Kajakfahrern die Formulierung, sie mögen „auf Durchsagen achten" und sich um 09:00 Uhr „plus/minus" in der Bar einfinden. Das ist keine Schlamperei, sondern Präzision: Die genaue Zeit hängt davon ab, wie das Wasser aussieht, wenn man dort ist.
Wer das einmal verstanden hat, reist entspannter. Ein Programmpunkt, der ausfällt, wird auf diesen Schiffen nicht als Mangel verbucht, sondern als Normalfall — und meistens durch etwas ersetzt, das ohnehin nicht planbar gewesen wäre.
Und die Stille
Das schönste Ritual steht in keinem Programm und lässt sich nicht ankündigen.
Das Logbuch beschreibt es auf einem Gipfel, den die Gruppe an diesem Tag erstiegen hatte: Man hielt inne und „nahm sich einen Moment der Stille, um die Ruhe und Weite dieses Gipfels zu hören".
Auf vielen Reisen macht das Expeditionsteam das bewusst — bei einer Anlandung oder im Zodiac wird der Motor abgestellt, und für ein oder zwei Minuten spricht niemand. Was man dann hört, ist je nach Ort verschieden: knackendes Eis, ferne Pinguine, das Ausatmen eines Wals.
Es ist der einzige Programmpunkt, für den man weder Ausrüstung noch Mut braucht. Viele Gäste nennen ihn hinterher als den Moment, an den sie sich am genauesten erinnern.
Traditionen an Bord – die häufigsten Fragen
Die Angaben stammen aus dem Bordlogbuch der MV Ortelius, Reise „Deep South Basecamp" vom 4. bis 17. März 2026.
Was ist der Polar Plunge?
Der Sprung ins antarktische Wasser, angeboten am Ende einer Anlandung. Der Badeanzug wird unter der wasserdichten Expeditionskleidung getragen, Handtücher stellt das Schiff. Eine Sicherungsleine und ein Guide im Wasser gehören dazu.
Muss man beim Polar Plunge mitmachen?
Nein, es ist völlig freiwillig. Das Logbuch beschreibt die ganze Bandbreite: von Gästen, die nur einen Zeh ins Wasser hielten, über vollständiges Untertauchen bis zu einigen, die tatsächlich schwammen.
Was passiert bei der Polarkreis-Taufe?
Beim Überqueren von 66°33′ Süd werden die Gäste in Badekleidung an Deck gebeten und mit einem Strahl aus dem Feuerlöschschlauch des Schiffes über die Linie begrüßt. Danach gibt es eine wärmende Belohnung.
Was ist ein Recap an Bord?
Die abendliche Runde des Expeditionsteams, meist gegen 18:15 Uhr in der Bar. Kurze Beiträge einzelner Guides ordnen die Beobachtungen des Tages ein, danach folgt der Plan für den nächsten Tag.
Welche Vorträge gibt es an Bord?
Fachvorträge der Guides, auf dieser Reise etwa über die antarktische Kryosphäre — Meereis, Schelfeis und Gletscher — sowie über die Arbeit als Walbeobachter.
Warum sind die Tagespläne so unverbindlich formuliert?
Weil die genauen Zeiten von Wetter, Eis und Seegang abhängen. Im Tagesprogramm stehen Formulierungen wie „09:00 plus/minus" und die Bitte, auf Durchsagen zu achten. Ein ausfallender Programmpunkt gilt auf Expeditionsschiffen als Normalfall, nicht als Mangel.
Was ist der Moment der Stille?
Ein bewusst eingelegter Halt, bei dem im Zodiac der Motor abgestellt wird oder eine Gruppe an Land für ein bis zwei Minuten schweigt. Je nach Ort hört man knackendes Eis, ferne Pinguine oder das Ausatmen eines Wals.
Wo Sie das mit uns erleben können
Diese Rituale gehören zu jeder Expeditionsreise — unabhängig von Route und Schiffsgröße. Auf kleinen Schiffen sind sie persönlicher.
- Antarktische Halbinsel – die klassische Route mit Anlandungen und Zodiacfahrten.
- Antarktis – alle Reisen – der Überblick über alle Varianten der Saison.
- Weddellmeer – für alle, die zusätzlich ins Packeis vorstoßen wollen.
Welche Route zu Ihnen passt, hängt von Reisezeit, Schiffsgröße und Ihrem Schwerpunkt ab. Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.