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Aus den Logbüchern

66°33′39″ Süd: der Polarkreis und die Station, die man fluchtartig verließ

3. Juli 2026 · von Leguan Reisen
66°33′39″ Süd: der Polarkreis und die Station, die man fluchtartig verließ
© Oceanwide Expeditions

66°33′39″ Süd

Es ist eine Zahl ohne physische Entsprechung. Keine Linie im Wasser, kein Schild, keine Boje. Der südliche Polarkreis ist eine Rechengröße: der Breitengrad, ab dem die Sonne an mindestens einem Tag im Jahr nicht untergeht — und an mindestens einem anderen nicht aufgeht.

Trotzdem versammelten sich am Morgen des 5. März 2026 die Gäste der MV Hondius um halb sieben auf der Brücke und starrten auf die GPS-Anzeigen. Als die Ziffern umsprangen, gab es spontanen Applaus.

Das Logbuch nennt es „einen starken Moment gemeinsamen Erreichens". Man kann das pathetisch finden. Man kann auch nachrechnen, wie wenige Schiffe überhaupt so weit nach Süden kommen.

Warum so wenige den Kreis erreichen

Die meisten Antarktisreisen enden deutlich nördlich davon. Die klassische Halbinsel-Route bewegt sich zwischen 62° und 65° Süd — dort liegen die bekannten Anlandeplätze, dort ist die Saison lang und das Eis berechenbar.

Der Polarkreis liegt gut 200 Kilometer weiter südlich. Dorthin kommt man nur, wenn drei Dinge zusammentreffen: ein Schiff mit ausreichender Eisklasse, genug Zeit im Reiseplan — und eine Eislage, die den Weg freigibt. Deshalb steht in den Katalogen fast immer der Zusatz, dass die Überquerung nicht garantiert werden kann.

Auf dieser Fahrt stand im Tagesprogramm die Formulierung, die das schön einfängt: Man hoffe, den Polarkreis zwischen 06:30 und 07:00 Uhr zu überqueren — „das Timing hängt von See- und Eisbedingungen während der Nacht ab".

Base W: die Station, die man verlassen musste

Am Vormittag legte die Hondius bei Detaille Island an. Der Himmel war zunächst bedeckt, dann brach die Sonne durch. Die Gäste gingen in drei Gruppen an Land, im Wechsel mit einer Zodiacfahrt.

Auf der Insel steht ein Holzhaus: Base W, eine britische Forschungsstation, besetzt von 1956 bis 1959. Was mit ihr geschah, erklärt, warum sie heute so aussieht, wie sie aussieht.

1959 kam das Versorgungsschiff nicht durch. Das Eis blockierte den Zugang, und die Besatzung musste die Station über das Packeis zu Fuß verlassen — unter Zurücklassung fast der gesamten Ausrüstung. Was sie stehen ließen, steht bis heute dort.

Das Logbuch beschreibt es als Zeitkapsel: alte Konservendosen in den Regalen, wissenschaftliche Geräte, die Wohnräume genau so, wie sie vor Jahrzehnten verlassen wurden. „Es vermittelte ein tiefes Gefühl für die Isolation und den Mut der Forscher, die diesen Ort einmal ihr Zuhause nannten."

Auf der Insel lebt außerdem eine kleine Adéliepinguin-Kolonie. Sie ist nicht der Grund, warum Schiffe hier anlegen.

Crystal Sound: noch weiter südlich

Nach dem Mittagessen fuhr das Schiff weiter in den Crystal Sound — jenes Gewässer, dessen Name bereits andeutet, worum es geht. Hier treiben die Eisformen, die weiter nördlich seltener werden: Tafeleisberge aus dem Süden, Meereis in unterschiedlichen Stadien der Neubildung.

Für die Reisenden ist das der eigentliche Unterschied. Nördlich des Polarkreises dominieren Gletscher und Berge. Südlich davon nimmt das Eis das Kommando: Es bestimmt, welche Buchten befahrbar sind, wo ein Zodiac fahren kann und wie lange ein Schiff an einer Position bleibt.

Was die Reise noch bot

Die Fahrt vom 16. Februar bis 10. März 2026 war eine der längsten Routen im Programm: Falklandinseln, Südgeorgien, Elephant Island, Antarktische Halbinsel und der Polarkreis in einer Reise. Das Logbuch nennt an Tierbeobachtungen unter anderem vierzehn Buckelwal-Sichtungen, neun Begegnungen mit Seeleoparden und sieben mit Orcas.

Das ist keine zufällige Häufung. Ende Februar und Anfang März ist die beste Walzeit der Saison: Die Tiere haben den Sommer über Krill gefressen und sind in großer Zahl an der Halbinsel, bevor sie nach Norden ziehen. Gleichzeitig ist das Eis am weitesten zurückgewichen — der Grund, warum gerade diese späten Termine überhaupt bis zum Polarkreis kommen.

Lohnt sich der Umweg?

Ehrlich gesagt: Der Polarkreis selbst ist eine Zahl. Wer nur wegen der Urkunde fährt, könnte enttäuscht werden — es passiert nichts, wenn man ihn überquert.

Was sich lohnt, ist das, was dahinter liegt: Base W, der Crystal Sound, das dichtere Eis, die geringere Zahl an Schiffen. Südlich von 66°33′ sind Sie fast allein. Und Sie sehen eine Antarktis, die weniger nach Postkarte aussieht und mehr nach dem Kontinent, für den die Menschen von Base W ihre Konservendosen stehen ließen.


Von der Leguan-Redaktion

Der südliche Polarkreis – die häufigsten Fragen

Die Angaben stammen aus dem Bordlogbuch der MV Hondius, Reise vom 16. Februar bis 10. März 2026.

Wo genau liegt der südliche Polarkreis?

Bei 66°33′39″ südlicher Breite. Ab dieser Linie geht die Sonne an mindestens einem Tag im Jahr nicht unter und an mindestens einem anderen nicht auf. Eine sichtbare Markierung gibt es nicht — die Überquerung wird an den GPS-Anzeigen auf der Brücke verfolgt.

Erreicht jede Antarktisreise den Polarkreis?

Nein, die wenigsten. Die klassische Halbinsel-Route bewegt sich zwischen 62° und 65° Süd. Für den Polarkreis braucht es ausreichende Eisklasse, genug Zeit im Reiseplan und eine Eislage, die den Weg freigibt. Garantieren lässt sich die Überquerung nicht.

Wann sind die Chancen am besten?

Im Spätsommer, also Februar und März. Dann ist das Eis am weitesten zurückgewichen. Auf dieser Reise wurde der Kreis am 5. März gegen 06:30 Uhr überquert.

Was ist Base W auf Detaille Island?

Eine britische Forschungsstation, besetzt von 1956 bis 1959. Sie wurde fluchtartig aufgegeben, als das Versorgungsschiff im Eis nicht durchkam: Die Besatzung verließ die Station zu Fuß über das Packeis und ließ fast die gesamte Ausrüstung zurück. Konservendosen, wissenschaftliche Geräte und Wohnräume stehen bis heute so da.

Was ist der Crystal Sound?

Ein Gewässer südlich des Polarkreises, in das die Schiffe nach Detaille Island weiterfahren. Dort dominieren Tafeleisberge und Meereis in verschiedenen Stadien der Neubildung — das Eis bestimmt, wie weit man kommt.

Was unterscheidet den Süden vom Norden der Halbinsel?

Nördlich des Polarkreises prägen Gletscher und Berge das Bild. Südlich davon übernimmt das Eis: Es entscheidet über befahrbare Buchten, Zodiacfahrten und die Liegezeit an einer Position. Zudem sind dort deutlich weniger Schiffe unterwegs.

Wann sieht man die meisten Wale?

Ebenfalls im Spätsommer. Auf dieser Reise verzeichnete das Logbuch vierzehn Buckelwal-Sichtungen, neun Begegnungen mit Seeleoparden und sieben mit Orcas. Die Tiere haben dann den Sommer über Krill gefressen, bevor sie nach Norden ziehen.

Wo Sie den Polarkreis mit uns überqueren können

Polarkreis-Routen liegen fast immer am Ende der Saison und dauern länger als die Standard-Halbinsel-Fahrten.

Welche Route zu Ihnen passt, hängt von Reisezeit, Schiffsgröße und Ihrem Schwerpunkt ab. Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.

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