Südgeorgien: 175.000 Wale, zwei ausgerottete Arten und ein Vogel, der zurückkam
Eine Insel, die zurückkommt
Südgeorgien wird gern die Serengeti des Südpolarmeeres genannt. Der Vergleich stimmt, was die Dichte des Lebens angeht — aber er verschweigt das Entscheidende: Diese Insel war einmal fast leer. Was heute wie unberührte Natur aussieht, ist das Ergebnis eines der größten Renaturierungsprojekte der Welt.
Im Februar 2026 verbrachte die MV Hondius vier Tage vor Südgeorgien. Ihr Logbuch liest sich streckenweise wie ein Protokoll dieser Rückkehr.
Grytviken: 175.000 Wale
Der Landgang am 5. Februar beginnt in der ältesten Walfangstation der Insel. Der Wind steht mit sieben Beaufort, aber der Kapitän bringt die Hondius in die geschützte Bucht. In Grytviken dürfen alle Gäste gleichzeitig an Land — anders als an den meisten Plätzen Südgeorgiens.
Was dort steht, hält das Logbuch nüchtern fest: rostige Tanks, schwere Maschinen, verlassene Gebäude, gestrandete Walfangboote, verstreute Walknochen. Und die Zahl, um die es geht: In den landgestützten Stationen Südgeorgiens wurden über 175.000 Wale getötet — Blau-, Finn-, Buckel-, Pott-, Zwerg- und Südkaper. Auf dem Höhepunkt der Walfangzeit konnte man die Tiere direkt in dieser Bucht jagen.
Auf dem Friedhof zwischen Walfängern und Entdeckern liegt Ernest Shackleton begraben. Zwei der Guides teilen dort einen Whisky auf „the Boss" — die Tradition dieser Reisen.
Und dann steht im Logbuch der Satz, um den es eigentlich geht: „Es war erhebend zu sehen, wie sich die Pelzrobben das Land zwischen den rostenden Überresten zurückholen." Junge Robben spielten im Gletscherschmelzwasser, See-Elefanten ruhten neben dem Friedhof.
Ocean Harbour: was Menschen einschleppen
Einen Tag zuvor, bei einer Zodiacfahrt durch Ocean Harbour, wird die andere Seite der Geschichte sichtbar. Die Station war nur von 1909 bis 1920 in Betrieb — ein kurzes, intensives Kapitel. Vor der Küste liegt das Wrack der Bayard, einer Stahlbark, die hier 1911 auf Grund lief. Zeit und Gezeiten haben sie auf ein Skelett reduziert.
Im selben Jahr 1911 brachten Walfänger etwas anderes nach Ocean Harbour: Rentiere, als Fleischvorrat. Die Tiere blieben, vermehrten sich und veränderten die Vegetation der Insel über ein Jahrhundert lang. Erst zwischen 2013 und 2015 wurden sie systematisch entfernt; die letzten beiden Tiere fielen 2017.
Was danach geschah, lässt sich heute beobachten. Im Tussockgras von Ocean Harbour huscht der Südgeorgien-Pieper umher — ein endemischer Singvogel, der nur hier vorkommt und der beinahe verschwunden war, weil eingeschleppte Ratten seine Gelege fraßen. Nach der Rattenbekämpfung ist er zurück. Das Logbuch nennt ihn eine „Erfolgsgeschichte des Naturschutzes".
Daneben: See-Elefanten am Strand, Antarktische Seebären in Menge, darunter mehrere blonde Jungtiere, deren helles Fell scharf gegen die üblichen schwarzen Welpen absticht. Gelbschnabel-Spießenten paddelten unbeeindruckt an den Zodiacs vorbei.
Salisbury Plain: die Dimension
Am 3. Februar, Weckruf um 06:45, liegt die Hondius vor Salisbury Plain. Der Tag wird geteilt: Eine Gruppe geht an Land, die andere fährt Zodiac an der Küste entlang, nachmittags wird getauscht. Parallel bereitet sich das Schnorchelteam vor — im Logbuch steht ihr Ziel in zwei Wörtern: „Penguins."
Wer an Land ging, stand vor einer Königspinguin-Kolonie, die sich über die gesamte Küstenebene zieht: tausende erwachsene Tiere Schulter an Schulter, dazwischen die großen, flauschigen Küken, die auf ihre nächste Fütterung warten. Das Logbuch nennt Geräusch, Bewegung und schiere Zahl in einem Atemzug.
Vom Wasser aus sah es anders aus — die Kolonie als Fläche, davor Robben an den Stränden, dahinter vergletscherte Berge. Nachmittags gingen zusätzliche Schnorchler ins Wasser und schwammen zwischen Königspinguinen und verspielten Pelzrobben.
Leith Harbour: was man nicht mehr betreten darf
Am Nachmittag des 5. Februar verlegt das Schiff nach Leith Harbour. Die dortige Station darf nicht mehr betreten werden — Einsturzgefahr und Asbest. Also wurde gewandert.
Rund 60 Gäste gingen die lange Route: etwa fünf Kilometer durch raues, selten begangenes Talgelände. Unterwegs erklärte ein Guide die gefalteten Gesteinsformationen, an einem Aussichtspunkt über der Bucht wurde fotografiert, der Rückweg führte durch Eselspinguin-Kolonien.
Das Logbuch hält eine Beobachtung fest, die man leicht übersieht: Diese Pinguine — aus der Antarktis vertraut — liefen hier durch grünes Gras. Sie waren in der Mauser, und ihre zerzausten Frisuren sorgten für Erheiterung.
Der Biosecurity-Test, den niemand bemerkte
Eine Randnotiz aus dem Logbuch verdient Beachtung. Vor jedem Landgang auf Südgeorgien werden Stiefel und Ausrüstung kontrolliert — die Regierungsinspektoren prüfen stichprobenartig an Bord. An diesem Tag kamen sie wegen des Wetters nicht.
Die Bemerkung im Logbuch: Man hätte die Prüfung „mühelos bestanden", dank der sorgfältigen Biosecurity-Arbeit aller an Bord. Abends gab es für das gedachte Ergebnis ein Glas Prosecco.
Das klingt nach einer Anekdote, ist aber der Kern der ganzen Geschichte. Ratten und Rentiere kamen einst als Fracht auf diese Insel. Ein Samenkorn im Klettverschluss einer Hose kann heute dasselbe anrichten.
Warum vier Tage nicht zu viel sind
Südgeorgien ist der Grund, warum die lange Antarktis-Route rund drei Wochen dauert statt zehn Tage. Wer nur zur Halbinsel fährt, sieht Eis, Pinguine und Wale — und das ist großartig. Wer Südgeorgien dazu nimmt, sieht zusätzlich, was Menschen einer Landschaft antun können und was danach möglich ist.
Zwischen dem Grab in Grytviken und dem Pieper im Tussockgras liegen gut hundert Jahre. Beides an einem Tag zu sehen, ordnet einiges.
Südgeorgien – die häufigsten Fragen
Die Angaben stammen aus dem Bordlogbuch der MV Hondius, Reise vom 28. Januar bis 16. Februar 2026.
Warum heißt Südgeorgien die Serengeti des Südpolarmeeres?
Wegen der Dichte des Lebens. Die Königspinguin-Kolonien von Salisbury Plain, St. Andrews Bay und Gold Harbour zählen jeweils Zehntausende bis Hunderttausende Vögel, dazu kommen Antarktische Seebären und Südliche See-Elefanten in großer Zahl.
Wie viele Wale wurden bei Südgeorgien getötet?
Über 175.000 in den landgestützten Stationen der Insel — Blau-, Finn-, Buckel-, Pott-, Zwerg- und Südkaper. Auf dem Höhepunkt der Walfangzeit wurden die Tiere direkt in der Bucht von Grytviken gejagt.
Kann man die Walfangstationen betreten?
Nur Grytviken. Dort ist der Landgang für alle Gäste gleichzeitig erlaubt, es gibt ein Museum und Führungen des South Georgia Heritage Trust. Andere Stationen wie Leith Harbour sind wegen Einsturzgefahr und Asbest gesperrt — dort bleibt man außerhalb und wandert.
Wo liegt Shackletons Grab?
Auf dem Friedhof von Grytviken, zwischen Walfängern und Entdeckern. Traditionell wird dort mit einem Whisky auf „the Boss" angestoßen.
Was wurde auf Südgeorgien renaturiert?
Zwei eingeschleppte Arten wurden entfernt. Rentiere, 1911 von Walfängern als Fleischvorrat nach Ocean Harbour gebracht, wurden zwischen 2013 und 2015 systematisch beseitigt; die letzten beiden Tiere 2017. Zuvor war bereits die Rattenbekämpfung erfolgreich, wodurch der endemische Südgeorgien-Pieper zurückkehrte.
Wie streng ist die Biosecurity auf Südgeorgien?
Sehr streng. Vor jedem Landgang werden Stiefel, Kleidung und Taschen auf Samen, Erde und Tierhaare kontrolliert; Regierungsinspektoren prüfen stichprobenartig an Bord. Der Grund ist die Geschichte der Insel: Ratten und Rentiere kamen einst als Fracht.
Kann man in Südgeorgien schnorcheln?
Auf Reisen mit Schnorchelprogramm ja. Auf dieser Fahrt gingen Schnorchler bei Salisbury Plain ins Wasser und waren dort zwischen Königspinguinen und Pelzrobben unterwegs — im Trockenanzug, wegen der Wassertemperatur.
Wie lange sollte man für Südgeorgien einplanen?
Auf dieser Reise waren es vier Tage vor der Insel. Das ist der übliche Rahmen der langen Antarktis-Route über den Südatlantik, die insgesamt rund drei Wochen dauert.
Wo Sie Südgeorgien mit uns erleben können
Südgeorgien lässt sich nicht separat bereisen — es liegt auf der langen Route zwischen Falklandinseln und Antarktischer Halbinsel.
- Südgeorgien – Königspinguin-Kolonien, Walfangstationen, Shackletons Grab.
- Falklandinseln & Südgeorgien – die lange Route über den Südatlantik, rund drei Wochen.
- Antarktis – alle Reisen – der Überblick, auch über die kurzen Halbinsel-Routen.
Welche Route zu Ihnen passt, hängt von Reisezeit, Schiffsgröße und Ihrem Schwerpunkt ab. Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.