Drei Gruppen, zwei Winter, ein Wunder: Nordenskjöld im Weddellmeer
Drei Gruppen, zwei Winter, ein Wunder
Am 25. November 2025 lag die MV Ortelius bewegungslos im Packeis des Weddellmeeres, an ihrer südlichsten erreichten Position. Draußen war es still. Drinnen erzählte Expeditionsguide Allan eine Geschichte, die genau hier spielt.
Es ist die Geschichte der schwedischen Antarktisexpedition von 1901 bis 1903 — und der Grund, warum eine Hütte auf Snow Hill Island steht.
Der Plan
Otto Nordenskjöld, schwedischer Geologe, wollte einen Winter in der Antarktis verbringen und über einen vollen Sommer forschen. Seine Mannschaft baute dafür eine Hütte auf Snow Hill Island. Das Expeditionsschiff Antarctic sollte sie im Folgejahr wieder abholen.
Aus einem Winter wurden zwei. Und aus einer Forschungsreise wurde eine der bemerkenswertesten Überlebensgeschichten der Polargeschichte.
Was schiefging
Die Antarctic kam nicht durch. Sie geriet ins Packeis, wurde eingeschlossen und schließlich zerquetscht. Sie sank — in demselben Gewässer, in dem dreizehn Jahre später Shackletons Endurance dasselbe Schicksal erlitt.
Damit war die Expedition auf drei Gruppen verteilt, die nichts voneinander wussten:
- Nordenskjölds Team in der Hütte auf Snow Hill Island
- Drei Männer, die zuvor an der Hope Bay abgesetzt worden waren, um eine Schlittenreise zu unternehmen
- Die Schiffsbesatzung, die sich nach dem Untergang über das Eis auf Paulet Island gerettet hatte
Kein Funk. Keine Möglichkeit, sich zu verständigen. Jede Gruppe überwinterte für sich, ohne zu wissen, ob die anderen noch lebten.
Dass sie sich fanden
Das Logbuch fasst es in einem Satz zusammen: „Es war nichts weniger als ein Wunder, dass alle einander fanden."
Die drei Männer von der Hope Bay marschierten über das Eis nach Süden und trafen Nordenskjölds Gruppe. Die Schiffsbesatzung von Paulet Island machte sich ebenfalls auf den Weg. Schließlich kam das argentinische Schiff Uruguay und brachte alle heraus.
Bis auf einen. Ein Mann starb an einem Herzleiden. Alle anderen kehrten zurück.
Warum man das an genau dieser Stelle erzählt
Auf Karten wirkt das nordwestliche Weddellmeer überschaubar: Antarctic Sound, Hope Bay, Paulet Island, Snow Hill Island — alles wenige Dutzend Kilometer auseinander. Auf dem Wasser sieht es anders aus.
Der Antarctic Sound trägt den Namen des gesunkenen Schiffes. Wer dort hindurchfährt und dann tagelang versucht, weiter nach Süden zu kommen, versteht die Entfernungen anders als am Schreibtisch.
Genau das erlebte die Ortelius auf dieser Reise. Der Plan war, mit Hubschraubern zur Kaiserpinguin-Kolonie bei Snow Hill zu fliegen. Am Abend des 25. November sahen die Aussichten gut aus: Das Briefing verkündete, dass man am nächsten Tag und am Tag darauf versuchen würde, alle zur Kolonie zu bringen. Im Logbuch steht, dass alle mit gedrückten Daumen ins Bett gingen, um von Kaiserpinguinen zu träumen.
Wie es tatsächlich lief
Am entscheidenden Tag rief die Brücke die argentinische Station Marambio auf Seymour Island an — direkt neben Snow Hill. Die Meldung von dort: tiefe Wolken, Schneeschauer, wechselnde und insgesamt schlechte Sicht.
Der Flugbetrieb blieb ausgesetzt. Ein weiterer Wettercheck wurde für 12:00 Uhr angesetzt. Währenddessen begann Guide Beth eine Vorlesung über die Geologie der Region — und wurde unterbrochen, weil die Orca-Gruppe zurückgekehrt war.
Am Ende überbrachte die Expeditionsleitung die Nachricht, die niemand hören wollte: Ein Flug nach Snow Hill war an diesem Tag nicht möglich, und der eine verbleibende Tag reichte nicht, um alle Gäste hin- und zurückzufliegen.
Es lag diesmal nicht am Eis. Es lag an der Sicht.
Was das über diese Region sagt
Zwei aufeinanderfolgende Reisen im November 2025 hatten dasselbe Ziel. Die erste kam wegen dichten Packeises nicht durch. Die zweite hatte freies Wasser, aber keine Sicht.
Man kann das als Pech verbuchen. Man kann es auch als das lesen, was es ist: die Beschreibung eines Ortes, an dem 1903 drei Gruppen von Menschen zwei Winter lang überlebten, weil ihnen nichts anderes übrig blieb — und an dem heute Hubschrauber am Boden bleiben, weil eine Wolkendecke zu tief hängt.
Nordenskjölds Hütte steht übrigens noch. Sie ist restauriert und gilt als historische Stätte nach dem Antarktis-Vertrag. Wer sie besuchen will, braucht dieselbe Mischung wie damals: ein Schiff, das hinkommt, und Wetter, das mitspielt.
Die schwedische Antarktisexpedition und das Weddellmeer – die häufigsten Fragen
Die Angaben stammen aus dem Bordlogbuch der MV Ortelius, Reise vom 21. November bis 1. Dezember 2025.
Wer war Otto Nordenskjöld?
Ein schwedischer Geologe, der die schwedische Antarktisexpedition von 1901 bis 1903 leitete. Seine Mannschaft baute eine Hütte auf Snow Hill Island, um dort einen Winter zu verbringen und über einen vollen Sommer zu forschen.
Was geschah mit dem Expeditionsschiff Antarctic?
Es geriet ins Packeis, wurde eingeschlossen und zerquetscht und sank — im selben Gewässer, in dem dreizehn Jahre später Shackletons Endurance dasselbe Schicksal erlitt. Der Antarctic Sound trägt bis heute den Namen dieses Schiffes.
Wie überlebten die drei getrennten Gruppen?
Ohne Funk und ohne Kenntnis voneinander: Nordenskjölds Team in der Hütte auf Snow Hill, drei Männer an der Hope Bay und die Schiffsbesatzung auf Paulet Island. Jede Gruppe überwinterte für sich. Am Ende fanden alle zusammen und wurden vom argentinischen Schiff Uruguay geborgen. Ein Mann starb an einem Herzleiden, alle anderen kehrten zurück.
Steht die Hütte auf Snow Hill Island noch?
Ja. Sie ist restauriert und als historische Stätte nach dem Antarktis-Vertrag geschützt. Ein Besuch setzt ein Schiff voraus, das die Region erreicht, und passendes Wetter.
Warum ist das nordwestliche Weddellmeer so schwer zugänglich?
Wegen der Kombination aus Packeisdrift und Wetter. Auf zwei aufeinanderfolgenden Reisen im November 2025 scheiterte der Vorstoß einmal am dichten Eis und einmal an der Sicht: Die argentinische Station Marambio meldete tiefe Wolken und Schneeschauer, der Hubschrauberbetrieb blieb ausgesetzt.
Was ist die Station Marambio?
Eine große argentinische Forschungsstation auf Seymour Island, direkt benachbart zu Snow Hill Island. Schiffe fragen dort die aktuellen Sicht- und Wetterbedingungen ab, bevor sie Hubschrauberflüge freigeben.
Welche Tiere sieht man im nördlichen Weddellmeer?
Adéliepinguine in großer Zahl, einzelne Kaiserpinguine auf dem Eis, Krabbenfresserrobben auf den Schollen sowie Orcas. Auf dieser Reise kehrte eine Orca-Gruppe mehrfach zum Schiff zurück.
Wo Sie das Weddellmeer mit uns erleben können
Reisen ins nördliche Weddellmeer sind kurz in der Saison und begrenzt in der Zahl. Wer Snow Hill anstrebt, braucht Zeit, Geduld und Glück.
- Weddellmeer – Packeis, Tafeleisberge, Adéliepinguin-Kolonien und die historischen Stätten.
- Antarktis – alle Reisen – der Überblick über alle Routen und Saisonphasen.
- Antarktische Halbinsel – gut kombinierbar mit einem Vorstoß ins Weddellmeer.
Welche Route zu Ihnen passt, hängt von Reisezeit, Schiffsgröße und Ihrem Schwerpunkt ab. Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.