Zwanzig Tage nach Süden: die lange Route ab Puerto Madryn
Zwanzig Tage, sechs Regionen, ein Schiff
Es gibt eine Antarktisreise, die nicht in Ushuaia beginnt. Sie startet 1.400 Kilometer weiter nördlich, an einem Pier in Patagonien, und sie nimmt eine Inselgruppe mit, die auf den meisten Routen fehlt.
Vom 22. Oktober bis 11. November 2025 fuhr die MV Ortelius diese Strecke: Puerto Madryn — Falklandinseln — Südgeorgien — Südorkney-Inseln — Antarktische Halbinsel — Südshetlands — Ushuaia. Zwanzig Tage, in denen sich die Temperatur von plus zehn auf minus ein Grad senkte und die Landschaft von argentinischer Steppe zu Packeis wurde.
Der Pier von Puerto Madryn
Der Anfang ist ungewöhnlich genug, dass das Logbuch ihn eigens erwähnt. Puerto Madryn liegt am Golfo Nuevo an der argentinischen Atlantikküste — jener Bucht, in die im Frühjahr Südkaper zum Kalben kommen. Wer ein paar Tage früher anreist, kann sie vom Ufer aus beobachten.
Das Schiff selbst lag weit draußen am Ende eines langen Piers, „mitten zwischen den Wellen und den Walen". Einige Gäste gingen den Pier zu Fuß ab — laut Logbuch nur diejenigen, die ihre Sachen fest im Griff hatten und bereit waren, sich vom Wind unfreiwillige Gesichtsausdrücke aufzwingen zu lassen.
Es ist ein guter Auftakt, weil er zeigt, worauf man sich einlässt. Diese Route ist keine Rundreise mit Rückkehr zum Ausgangspunkt. Sie ist eine Überführung nach Süden.
Die Südorkneys: die Inselgruppe, die fast niemand sieht
Am 3. November, um fünf Uhr morgens, weckte Assistenz-Expeditionsleiter George die Gäste mit der Nachricht, dass bereits dramatisches Eis in Sicht sei. Viele standen kurz darauf an Deck, während das Schiff durch das Eis fuhr.
Die Südorkney-Inseln liegen auf halbem Weg zwischen Südgeorgien und der Antarktischen Halbinsel — auf 60° Süd, weit abseits der Standardrouten. Die meisten Reisen lassen sie aus, weil sie Zeit kosten und weil die Anlandung selten gelingt.
An diesem Tag gelang sie. Bei Shingle Cove ging die Gruppe an Land, bei einer kleinen Adéliepinguin-Kolonie. Das Logbuch nennt es „ein seltenes Vergnügen, sie so früh in der Saison zu sehen". Der Schnee wehte seitwärts — der erste echte Vorgeschmack auf das, was weiter südlich kam. Bei Lufttemperatur minus ein Grad und Wassertemperatur minus ein Grad.
Die Fahrt zwischen Laurie Island und Coronation Island brachte dann jene Bilder, für die man um fünf Uhr aufsteht: zerklüftetes Eis, schneebestäubte Gipfel, dazwischen Schneesturmvögel in großer Zahl.
Point Wild: der Ort, an dem 22 Männer warteten
Einen Tag später, am 4. November, wachte das Schiff in schwerem Wetter auf: Südwind mit acht Beaufort, drei Meter Dünung, das Schiff rollte. Ziel war Point Wild auf Elephant Island.
Der Name gehört zu Frank Wild, Shackletons Stellvertreter. Hier harrten 1916 zweiundzwanzig Männer der Endurance-Expedition aus, nachdem ihr Schiff im Packeis gesunken war — unter zwei umgedrehten Rettungsbooten, auf einem schmalen Streifen Kies zwischen Gletscher und Meer, während Shackleton mit fünf Begleitern 1.300 Kilometer über die Scotia-See nach Südgeorgien segelte.
Sie warteten viereinhalb Monate. Alle überlebten.
Wer diese Route fährt, sieht die Schauplätze in der richtigen Reihenfolge: erst Südgeorgien mit dem Grab in Grytviken, dann die offene See, dann Point Wild. Das ist keine Kleinigkeit für das Verständnis dessen, was dort geschah.
Was an Bord passiert, wenn nichts passiert
Zwanzig Tage bedeuten viele Seetage. Das Logbuch zeigt, wie sie gefüllt werden — und dass das ein eigener Teil der Reise ist.
Es gab verlängerte Rückblick-Runden, in denen Guides Themen vertieften: Allan erzählte von Tom Crean, dem irischen Polarfahrer aus Shackletons Mannschaft. Wei beantwortete Fragen zu leuzistischen Pinguinen und Pelzrobben — jenen ungewöhnlich hellen Tieren, denen die Gruppe auf Südgeorgien begegnet war. Beth zeigte Fotos vom dramatischen Gletscherrückgang an genau den Orten, die man zuvor besucht hatte.
Abends lief Endurance, der Film, mit Popcorn — auf dem Weg nach Elephant Island. Und in den Fotoworkshops von Matt und Martin präsentierten die Gäste ihre eigenen, während der Reise bearbeiteten Bilder auf dem Projektor.
Diese Abende sind der Grund, warum lange Routen für viele die besseren sind. Man hat Zeit, das Gesehene einzuordnen, bevor das Nächste kommt.
Für wen sich die lange Route eignet
Diese Reise dauert dreimal so lang wie eine klassische Halbinsel-Fahrt und kostet entsprechend. Was sie dafür bietet, lässt sich nicht nachkaufen: die Abfolge der Ökosysteme von der patagonischen Küste über subantarktische Inseln bis ins Packeis, die vollständige Shackleton-Route, und Orte wie die Südorkneys, an denen im Jahr nur eine Handvoll Schiffe anlanden.
Der Oktober-Termin hat eine Besonderheit: Man ist am Anfang der Saison unterwegs. Mehr Schnee, mehr Eis, weniger Wale — und Kolonien, die gerade erst mit dem Brüten beginnen. Wer die Antarktis in ihrem weißesten Zustand sehen will, fährt jetzt.
Die lange Antarktis-Route – die häufigsten Fragen
Die Angaben stammen aus dem Bordlogbuch der MV Ortelius, Reise vom 22. Oktober bis 11. November 2025.
Wo beginnt die lange Antarktis-Route?
Diese Variante startet in Puerto Madryn an der argentinischen Atlantikküste, nicht in Ushuaia, und endet nach zwanzig Tagen dort. Die Route führt über Falklandinseln, Südgeorgien, Südorkney-Inseln, Antarktische Halbinsel und Südshetlands.
Was sind die Südorkney-Inseln?
Eine Inselgruppe auf 60° Süd, etwa auf halbem Weg zwischen Südgeorgien und der Antarktischen Halbinsel. Die meisten Routen lassen sie aus, weil sie Zeit kosten und Anlandungen selten gelingen. Auf dieser Reise gelang eine Landung bei Shingle Cove an einer kleinen Adéliepinguin-Kolonie.
Was ist Point Wild auf Elephant Island?
Der Ort, an dem 1916 zweiundzwanzig Männer der Endurance-Expedition viereinhalb Monate ausharrten — unter zwei umgedrehten Rettungsbooten auf einem schmalen Kiesstreifen zwischen Gletscher und Meer, während Shackleton mit fünf Begleitern 1.300 Kilometer nach Südgeorgien segelte. Alle überlebten. Benannt ist der Ort nach Frank Wild, Shackletons Stellvertreter.
Wie ist das Wetter im Oktober und November?
Kälter als im Hochsommer. Das Logbuch verzeichnet in Puerto Madryn plus zehn Grad, bei den Südorkneys minus ein Grad Luft- und Wassertemperatur. Vor Elephant Island herrschten Südwind mit acht Beaufort und drei Meter Dünung.
Lohnt sich der Saisonstart im Oktober?
Wenn Sie die Antarktis in ihrem weißesten Zustand sehen wollen, ja. Es liegt mehr Schnee, das Eis reicht weiter, die Kolonien beginnen gerade mit dem Brüten. Wale sind dagegen noch selten — die kommen erst im Spätsommer in großer Zahl.
Was macht man an den vielen Seetagen?
Auf dieser Reise gab es vertiefende Vortragsrunden — etwa über den Polarfahrer Tom Crean, über leuzistische, also ungewöhnlich helle Pinguine und Pelzrobben und über den Gletscherrückgang an den zuvor besuchten Orten. Dazu Fotoworkshops, in denen Gäste ihre eigenen bearbeiteten Bilder zeigten, und Filmabende.
Warum ist die Reihenfolge der Orte wichtig?
Weil die lange Route die Shackleton-Geschichte chronologisch abbildet: erst Südgeorgien mit dem Grab in Grytviken, dann die offene Scotia-See, dann Point Wild auf Elephant Island. Kurze Routen zeigen davon nur Einzelteile.
Wo Sie die lange Route mit uns fahren können
Routen ab Puerto Madryn sind selten und stehen meist nur einmal pro Saison im Programm.
- Falklandinseln & Südgeorgien – die lange Runde über den Südatlantik.
- Südgeorgien – das Herzstück jeder langen Route.
- Antarktis – alle Reisen – auch die kürzeren Varianten im Vergleich.
Welche Route zu Ihnen passt, hängt von Reisezeit, Schiffsgröße und Ihrem Schwerpunkt ab. Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.