← Zurück zum Blog
Aus den Logbüchern

Die Reise, die ihr Ziel nicht erreichte: Kaiserpinguine im Weddellmeer

29. Mai 2026 · von Leguan Reisen
Die Reise, die ihr Ziel nicht erreichte: Kaiserpinguine im Weddellmeer
© Oceanwide Expeditions

Die Reise, die ihr Ziel nicht erreichte

Es gibt eine Reise im Programm der Antarktis, die anders verkauft wird als alle anderen. Sie heißt „Into the Weddell Sea — In Search of Emperor Penguins", sie führt im November ins nördliche Weddellmeer, und sie hat ein erklärtes Ziel: die Kaiserpinguin-Kolonie bei Snow Hill Island. Rund 4.000 Brutpaare auf dem Festeis, erreichbar nur mit Hubschraubern, die auf dem Achterdeck des Schiffes stehen.

Im November 2025 fuhr die MV Ortelius diese Route mit Kapitän Per Andersson, 53 Crewmitgliedern, elf Expeditionsguides, drei chilenischen Hubschrauberpiloten und drei Flugingenieuren. Sie erreichte Snow Hill nicht.

Das Logbuch dieser Fahrt ist trotzdem — oder gerade deshalb — eines der lesenswertesten, die uns vorliegen. Denn es beschreibt, was eine Expedition von einer Kreuzfahrt unterscheidet.

Vier Vögel auf der Eiskante

Tag vier, der 14. November. Position 63°31,8′ Süd. Die Ortelius fährt durch den Antarctic Sound, benannt nach dem Schiff einer schwedischen Expedition, die hier 1903 vom Eis zerquetscht wurde. Die Lufttemperatur ist über Nacht auf minus zehn Grad gefallen, weil der Wind über das Eis streicht. Einige Gäste haben sich den Wecker auf 03:30 Uhr gestellt, um den Sonnenaufgang zu sehen.

Um die Mittagszeit meldet der Zweite Offizier über die Bordlautsprecher: vier Kaiserpinguine an der Eiskante, voraus. Der Kapitän navigiert das Schiff langsam heran.

Es sind die ersten. Nicht am Ziel, nicht in der Kolonie — einfach vier Vögel auf einer Scholle, hunderte Kilometer von Snow Hill entfernt.

Der Aufklärungsflug

Um 15:00 Uhr startet Expeditionsleiterin Pippa Low mit dem Zweiten Offizier zu einem Aufklärungsflug. Sie sucht eine Rinne, einen Weg durch das Packeis nach Süden. Sie kommt mit Fotos zurück und einer klaren Auskunft: Für heute gibt es keine Möglichkeit. Das Eis ist zu dicht.

Am nächsten Morgen fliegen alle. Bei ruhigem Wetter und wenig Wind werden die Hubschrauber startklar gemacht, drei Gäste pro Maschine, damit jeder einen Fensterplatz hat. Zwanzig Minuten über dem zugepackten nördlichen Weddellmeer. Das Logbuch hält fest, was dabei sichtbar wurde: Am Eis hatte sich nichts geändert. Der Weg blieb versperrt.

Der Rückflug führt zwischen den großen Tafeleisbergen hindurch — im Logbuch steht dazu „Star-Wars-artig". Kapitän und Expeditionsteam standen an diesem Tag durchgehend auf der Brücke und versuchten weiter, nach Süden zu kommen.

Was stattdessen geschah

Am Abend des vierten Tages macht Kapitän Per die Ortelius im Meereis fest. Das Expeditionsteam prüft die Tragfähigkeit der Scholle und steckt einen Bereich ab, in dem sich die Gäste bewegen dürfen. Nach dem Abendessen um 19:00 Uhr ziehen sich alle an und steigen aufs Eis.

Und dann kommt Besuch. Ein einzelner Kaiserpinguin, der sich in aller Ruhe hinsetzt, während die Menschen aus dem Schiff auf das Eis strömen und fotografieren. Später gesellt sich eine Gruppe Adéliepinguine dazu, deren nasses Gefieder im Licht glänzt. Die Sonne geht unter und färbt die Eisberge und die verschneiten Berge von Joinville Island rosa und orange.

Im Logbuch steht der Satz: „Just magical again."

Warum das Eis nicht verhandelbar ist

Snow Hill ist keine gewöhnliche Destination. Die Kolonie liegt auf Festeis, das jedes Jahr anders aufbricht. Zwischen Schiff und Ziel liegt das nördliche Weddellmeer — jenes Gewässer, in dem Shackletons Endurance 1915 eingeschlossen wurde und schließlich sank. Die Eisdrift dort ist notorisch unberechenbar: Wind und Strömung schieben das Packeis in Tagen zusammen und wieder auseinander.

Genau deshalb wird diese Reise mit Hubschraubern gefahren und nicht mit Zodiacs. Und genau deshalb steht in jeder seriösen Reisebeschreibung, dass ein Besuch der Kolonie nicht garantiert werden kann. Wer eine Garantie bekommt, sollte misstrauisch werden.

Die Alternative war keine Notlösung

Was das Logbuch dieser Reise so lesenswert macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der das Programm umgebaut wurde. Statt Snow Hill: Rundflüge über das Packeis. Ein Landgang am Brown Bluff. Eine Nacht, festgemacht im Meereis, mit Adéliepinguinen rundum. Vorträge über das Antarktis-Vertragssystem und über die schwedische Antarktisexpedition von 1901 bis 1903, deren 28 Männer den Verlust ihres Schiffes überlebten — erzählt an genau der Stelle, an der es geschah.

Es gab Krabbenfresserrobben auf den Schollen, Riesensturmvögel mit zwei Metern Spannweite, Kapsturmvögel, den seltenen Antarktissturmvogel und Schneesturmvögel — „die weißen Feen des Südens", wie sie im Logbuch heißen.

Und es gab Kaiserpinguine. Nicht 4.000 auf einmal. Aber einzelne, aus wenigen Metern, ohne Hubschrauber, ohne Kolonie — Tiere, die von selbst kamen.

Was Sie daraus mitnehmen sollten

Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, ins Weddellmeer zu fahren, dann tun Sie es nicht wegen eines Fotos, das Sie schon kennen. Tun Sie es, weil Sie sehen wollen, wie eine Landschaft ihre eigenen Regeln durchsetzt.

Die Gäste dieser Reise haben die Kolonie nicht gesehen. Sie standen dafür bei minus zehn Grad auf einer Eisscholle im Weddellmeer, während ein Kaiserpinguin sich neben ihnen niederließ und die Sonne die Berge rosa färbte. Man kann darüber streiten, was davon die bessere Geschichte ist. Wir haben eine Meinung dazu.


Von der Leguan-Redaktion

Kaiserpinguine in der Antarktis – die häufigsten Fragen

Die Angaben stammen aus dem Bordlogbuch der MV Ortelius, Reise vom 11. bis 21. November 2025.

Wo kann man Kaiserpinguine sehen?

Die einzige Kolonie, die auf einer Schiffsreise überhaupt erreichbar ist, liegt bei Snow Hill Island im nördlichen Weddellmeer — rund 4.000 Brutpaare auf dem Festeis. Sie ist nur mit Hubschraubern zu erreichen, weshalb diese Reisen ausschließlich mit einem Schiff gefahren werden, das Helikopter an Bord hat. Einzelne Kaiserpinguine trifft man dagegen auch außerhalb der Kolonie auf Schollen und an Eiskanten.

Wann ist die Reisezeit für Kaiserpinguine?

November. Nur dann ist das Festeis bei Snow Hill noch tragfähig genug für eine Landung und gleichzeitig die Küken groß genug, um sichtbar zu sein. Die Saison umfasst wenige Termine pro Jahr.

Ist ein Besuch der Kolonie garantiert?

Nein, und kein seriöser Veranstalter wird das versprechen. Auf der Fahrt im November 2025 blockierte dichtes Packeis den Weg nach Süden über mehrere Tage; ein Aufklärungsflug der Expeditionsleiterin fand keine befahrbare Rinne. Die Kolonie wurde nicht erreicht.

Warum ist das Weddellmeer so schwierig zu befahren?

Wind und Strömung schieben das Packeis dort binnen Tagen zusammen und wieder auseinander. Es ist dasselbe Gewässer, in dem Shackletons Endurance 1915 eingeschlossen wurde. Selbst ein eisverstärktes Schiff kommt nicht durch, wenn sich die Schollen verkeilen.

Wozu dienen die Hubschrauber?

Zum Transport zur Kolonie und zur Eisaufklärung. Zusätzlich werden bei geeignetem Wetter Rundflüge angeboten — auf der geschilderten Reise mit nur drei Gästen pro Maschine, damit jeder einen Fensterplatz hatte, rund zwanzig Minuten über dem Packeis.

Kann man in der Antarktis auf dem Meereis laufen?

Unter Umständen ja. Das Expeditionsteam prüft dazu die Tragfähigkeit der Scholle und steckt einen begehbaren Bereich ab. Auf dieser Reise machte der Kapitän das Schiff abends im Meereis fest, und die Gäste stiegen nach dem Abendessen aufs Eis — begleitet von einem Kaiserpinguin und einer Gruppe Adéliepinguine.

Wie kalt wird es im November?

Im Logbuch stehen für den 14. November minus zehn Grad Lufttemperatur bei Wind über dem Eis, die Wassertemperatur lag bei null Grad. Das ist deutlich kälter als auf den sommerlichen Halbinsel-Routen im Januar.

Welche Tiere sieht man außer Pinguinen?

Auf dieser Fahrt: Krabbenfresserrobben auf den Schollen, südliche Riesensturmvögel mit rund zwei Metern Spannweite, Kapsturmvögel, der seltene Antarktissturmvogel und Schneesturmvögel.

Wo Sie das Weddellmeer mit uns erleben können

Reisen mit Hubschraubern an Bord sind selten und früh ausgebucht. Wer die Kaiserpinguin-Route erwägt, sollte ein bis zwei Jahre im Voraus planen.

Welche Route zu Ihnen passt, hängt von Reisezeit, Schiffsgröße und Ihrem Schwerpunkt ab. Sprechen Sie uns an – wir beraten Sie persönlich.

Weitere Beiträge
Mehr aus dem Blog
Aus den Logbüchern

Polar Plunge, Feuerlöschschlauch und der Moment der Stille

7. August 2026
Aus den Logbüchern

Ein Schiff fährt in einen Vulkan: Deception Island

31. Juli 2026
Aus den Logbüchern

Wenn der Wal unter dem Boot durchzieht: Walbeobachtung im März

24. Juli 2026
Inhabergeführt seit 2000 · 26 Jahre Reise-Erfahrung
Leguan Reisen GmbH · Frechen bei Köln
→ leguan-reisen.de Alle Reiseziele → polar-schiffsreisen.de Polar-Portal